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News/Aktuelles

Autor: Marita Funk
Artikel vom 04.09.2019

Aus der Ortsgeschichte

Am Chor der Wäschenbeurener Kirche, ziemlich verdeckt von Büschen, findet sich ein

Grabstein mit einer bemerkenswerten Inschrift:

 

O theurste Gattin. Ach! Dein allzufrühes Sterben

erschüttert mich in Grund mit unnenbarem Schmerz.

Es seynd noch kaum 9 Jahr, daß ich mich thät bewerben

um dein so zärtliches mir allzeit treues Herz.

Und schon o Gattin, wirst mit deinen seltnen Gaben,

mit deiner Zärtlichkeit, die du mir zugedacht,

im Frühling deiner Jahr zu noch fünff Kindern begraben.

O Schöpfer, Gott und Herr! Wie fühl ich deine Macht?

Ach! Wohin wird mich des Grammes-Schmerz verleiten?

Doch da Natur und Pflicht Gelaßenheit gebeut,

muß ich aus Folgsamkeit als Christ und Mensch vermeiden

all Schwermuth, Übermaaß in Traurigkeit und Leyd.

Vielmehr solt mich anjezt dein Tugendlohn entzücken,

der dir bestimmt ist. Doch was macht mich so feig?

Mein betrübter Stand muß meinen Muth ersticken.

Es sucht, es bebt die Brust,

ich stammle, seufz und schweig.

 

Die Abweichungen von unserer heutigen Rechtschreibung sind nicht sehr gravierend, so dass

der Text gut verständlich ist. Nur wenige altertümliche Wörter finden sich: „anjezt“

übersetze ich mit „von jetzt an, nun“, und „gebeut“ bedeutet „gebietet“. Wenn man bei

„Grammes–Schmerz“ ein „m“ weglässt, erkennt man das Wort „Gram“.

Diese in Stein gemeißelte postume Liebeserklärung gilt Maria Kreszentia, der ersten Gattin

des Wäschenbeurener Vogtes Carl Philipp Plicksburg. Diese starb 1777. Aus der Ehe gingen

fünf Kinder hervor, die alle im Kindesalter starben, drei davon als Säuglinge. Der unter der

Liebeserklärung eingemeißelte Text ist leider nicht mehr komplett erhalten. Dank Josef

Kleinknechts 1975 fertiggestelltem, von der Gemeinde 1979 herausgegebenem

Wäschenbeurener Heimatbuch (offensichtlich war vor etwa 50 Jahren der Grabstein noch

nicht beschädigt) kann der Text rekonstruiert werden: 

„Zum ewigen Gedächtnüs gegen seine inniglich geliebte Gattin Maria Kreszentia gebohrne

Schmidin, welche am 9. Augusty 1777 im 36. Jahr ihres Alters im Herrn seelig entschlafen ist,

stiftet dieses Monument Carl Plicksburg, gemeinschaftlicher Vogt zu Wäschenbeuren“.

Von 1769 bis 1805 war Carl Philipp Plicksburg gemeinschaftlicher Vogt des Ritterguts

Wäschenbeuren, das bis zum Anschluss an Württemberg, 1805, jeweils zur Hälfte im Besitz

der Freiherren von Freyberg und der Grafen Thurn-Valsassina und Taxis war. In seinen

letzten Dienstjahren, von 1805 bis 1812 fungierte er als Rentamtmann. Im Familienregister

wird er vom damaligen Pfarrer „Praeceptus loci“ genannt, was man mit „Befehlshaber des

Ortes“ übersetzen kann. Dieser Carl Plicksburg erbaute 1790 ein stattliches Wohn- und

Wirtschaftsgebäude am Ende der Maiergasse. 1813 verkaufte er es an die Gemeinde, die es

zu ihrem Schul- und Rathaus machte. Ab 1848 diente es nur noch als Schulhaus. 1969 wurde

es abgerissen, und der Schulparkplatz entstand an dieser Stelle.

Carl Philipp Plicksburg, der 1819 starb, war dreimal verheiratet. Die zweite Ehefrau Ursula

verstarb 1790. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor, von denen alle im Säuglings- und

Kindesalter starben. 1790 heiratete er 50-Jährig die 19-jährige Christine Scheifele. Diese

überlebte ihn um 12 Jahre. Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor, von denen 5 im

Kleinkind- und Kindesalter starben. Das 18. Kind von insgesamt 22 Kindern war Johann Georg

Plicksburg, der 1795 geboren wurde und später in Wäschenbeuren als Rentamtmann in die

Fußstapfen seines Vaters trat.

Peter Schührer